The Joyful Singers: Was Zuhörer uns schrieben

Free!

© Text: Dietmar Günther (gekürzt), zum Konzert in der Heiliggeist-Kirche in Dresden-Blasewitz, 2009.
Was für ein Wort, was für ein Schreck. "Free!"
Was soll das? Ist das eine weitere Free-Inflation, ein Mißbrauch, eine Wundersache in Mogelpackung, Sektengesäusel?
Wer ist so vermessen? Wer wagt es, das abgedroschene "Free" so zu gebrauchen?
Am 17.10.09 in der Blasewitzer Kirche in Dresden sind die Plätze mäßig gefüllt. Aber keinesfalls entmutigend. Ein volles Haus wäre schön gewesen, sowieso an diesem trüben verregneten Tag.
Kurz vor dem angekündigten Beginn finde ich einen guten Platz, die Augen sind auf den Altarraum gerichtet, Scheinwerfer beleuchten zurückhaltend die Bühnensituation.
Pünktlich brummelt etwas aus dem Vorraum, anbrausend formiert sich Klang... Schon greift ein leichter Schauer nach mir. Das sind die reinen Stimmen, keine Elektronik, Stimmen, die mich und uns alle anregen. Singend in der Bewegung, im Vorbeigehen ganz nah, werden einzelne Stimmen deutlich wahrnehmbar, sauber intoniert, friedvoll, schon animierend mitreißend, soulig, und der Vorsänger voller Kraft und Verheißung. Das kann bestimmt gut werden...
Da dirigiert einer voller Einfühlung und weicher aber entschiedener Hand- und Körpersprache den gesamten Ablauf wie eine Choreografie, eine Performance, auf jede kleinste musikalische Nuance eingehend, und wechselt im nächsten Moment, mit atlethischer Bewegung an das Piano, wo er es punktgenau mit scheinbar größter Leichtigkeit ins Führungsinstrument verwandelt.
Da gibt es nach ca. jeweils 3 Titeln eingeblendete ruhige Übergangssituationen mit gefühlsstarken Inhaltserläuterungen, kurz, unaufdringlich, spontan wirkend. Jedes der Chormitglieder hat seinen Ansage- oder Solomusikpart und zeigt seine Individualität, seine stimmliche Präsenz, seinen Platz im Ganzen. Da treten Multiinstrumentalisten auf, die, wenn auch immer befriedet zurückhaltend, ohne Showgehabe, einen guten Mundi- oder Gitarrenpart abliefern, da klingen Sax oder Klarinette aus dem Verborgenen, da kommen leise Kongapercussion oder Rasseln wohlempfunden zum Einsatz ... und das alles kommt joyful herüber. Oft muß man sich zum Szenenapplaus hinreißen lassen, wenn das auch schon fast stört, bei der allgemein knisternden Konzentration.
Das "Jetzt fühle ich mich wohl und lasse mich gehen"-Gefühl beschleicht uns nicht so sehr, die Sinne bleiben wach. Trotzdem möchte man tanzen. Das Publikum zuckt schon lange mit den Beinen, man schnippt den Takt. Es ist vielleicht eher die dynamisch ausgewogene Staffelung der "Song-Temperatur", die die Wachsamkeit und Neugier auf den nächsten Titel erhält.
Bei Gospel kommt sonst allgemein das Plantagengefühl zur Geltung, bei vielen Gospelchören stark sehnsuchtsvoll und traditionell schwingend ausgebaut. Natürlich liegt hier die wunderbare Kraft von Soul und Blues: in der Erinnerung an das Leid von Millionen, die versklavt wurden, mißhandelt, ausgebeutet bis aufs Blut, verlassen schreiend unter diesem Himmel aller irdischen Zeiten. Aber da gibt es noch die Freiheit: Hier, bei den "Joyful Singers", entwickelt sich dankbare Freude zum Schwerpunkt, rockt für Sekunden gar auf. Der gekrümmte Rücken verliert ganz, ganz langsam seinen Krampf und strebt aufwärts, nicht mehr knarrend, sich aufbeugend gen Himmel mit dem scheuen Blick ins noch blendende Licht. Ist es wahr? Werde ich freikommen? Bin ich frei? Bin ich gar zur Freiheit erkoren oder verurteilt? "Du bist frei! Denn Du bist erlöst". Das ist das Thema.
"Free at last" - mit Einladung zum Mitsingen. Man denkt das wäre das Credo. Wieder gefehlt! Nach etwa achtzehn, laut Programm geplanten Konzerttiteln trefflicher unterschiedlichster Coleur, beginnt, ohne dass ich das jetzt Folgende hätte vorausahnen können, ein Zugabeteil, der quasi toppt und (nunmehr) erwartungsgerecht überrascht.
Was soll man noch sagen? Schauen Sie mal, wo Sie diesen Chor treffen können. Deren Konzert schafft es joyful, Ihnen musikalische und sozial engagierte, christliche und leichter oder schwerer verdauliche Wahrheiten dieser Welt mitzuteilen, dass Sie voller Musik nach Hause wandern oder schweben, mit dem Gedanken beseelt, dass Frei-sein leicht ist und Sie selbst betrifft.

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© by , 07-dec-09, last revised: